Gabelsberger Stenographie
Gabelsberger war eines der am weitesten verbreitenden Stenografie-Systeme im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert.
Franz Xaver Gabelsberger
Franz Xaver Gabelsberger gilt als Erfinder der deutschen Stenographie. Das bedeutet nicht, dass vor seiner Entwicklung der „Redezeichenkunst“ keine Kurzschrift in Gebrauch war. Ganz im Gegenteil: Bereits im antiken Rom schuf Marcus Tullius Tiro ein Kurzschriftsystem, um die Reden seines Dienstherrn Cicero aufzeichnen zu können. Dieses System wurde später als Tironische Noten bezeichnet, und umfasste zu Beginn rund 4000 Zeichen. Die Anzahl der Zeichen, die von den Schreibenden auswendig gelernt werden mussten, erhöhte sich im Laufe der Zeit auf rund 13.000. Trotzdem fand das System Verbreitung und ihm folgten zahlreiche andere „Geschwindschriften“.
Graphische Systeme
Besonders in England und Frankreich wurde von Stenographie ausgiebig Gebrauch gemacht. Die gängigen Systeme verwendeten graphische Symbole: gerade Linien, Kreise und Teile von Kreisen. Auch in Deutschland wurden Wege gesucht, um die gesprochene Sprache rasch mitschreiben zu können. Die erste nachweisbare Verwendung einer Kurzschrift waren die Aufzeichnungen von Luthers Predigten und Reden durch Dr. Creutziger; welche Methode er genau anwendete, lässt sich jedoch nicht nachvollziehen. Seither wurden viele Systeme genutzt, die teilweise aus anderen Ländern importiert aber auch in Deutschland selbst entwickelt wurden. Im Jahr 1888 erwähnte beispielsweise Karl Krieg im Katechismus der Stenographie 147 verschiedene Systeme.
Was ist das Besondere an der Gabelsberger Kurzschrift?
Was also macht die Besonderheit des Systems Gabelsberger aus? Es handelt sich um eine Buchstabenschrift, die Laute werden also durch besondere Buchstabenzeichen ausgedrückt, die zu Silben und Wörtern verbunden werden. Diese Zeichen wurden zwar von der damals gebräuchlichen Kurrentschrift abgeleitet, sind jedoch sehr viel einfacher und damit verbindungsfähiger gestaltet als die Kurrentbuchstaben. Je häufiger der Buchstabe in der deutschen Sprache vorkommt, desto einfacher und flüchtiger zu schreiben ist sein Kürzel. Vokale werden meist nur indirekt durch Hoch- oder Tiefstellung, Verstärkung oder Verdichtung dargestellt. Für besonders oft vorkommende Worte gibt es eigene Kürzel. Und alles „Unnötige“, das sich ohnehin durch den umgebenden Text erschließen lässt, wird weggelassen (z.B. Großschreibung, Flexionssilben etc.).
Warum ist Stenographie schwer zu lesen?
Durch die aufs Wesentliche reduzierten Schriftzeichen und die hohe Schreibgeschwindigkeit wirken sich Flüchtigkeitsfehler viel stärker aus als bei normalen Schreibschriften. Beim schnellen Schreiben wird aus einem Bogen schon mal ein Haken oder man vergisst auf die Verstärkung eines Zeichens. Dadurch wird aus einem „k“ ein „r“, aus einem „a“ ein „e“. Liest man Stenogramme, ist es meist leichter, sich nicht Wort für Wort vorzuarbeiten, sondern den Satz als Gesamtheit zu sehen; also unklare Wörter erst zu überspringen und sie dann im Satzzusammenhang zu erschließen.
Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass die meisten Schreiber eine Mischung aus Stenographie und Langschrift schreiben. Und nicht immer ist auf Anhieb ersichtlich, ob man nun ein Stenogramm vor sich hat oder ein schlampig geschriebenes Wort in Langschrift.
Nicht zuletzt entwickeln viele Stenographen auch eigene Kürzel für Wörter, die sie besonders häufig benötigen. Diese Idiosynkrasien können dann nur aus dem Kontext entschlüsselt werden.

Schreibe, was du hörst.
Idee und Wort im Flug der Zeit
ans Räumliche zu binden,
sucht‘ ich in ernster Tätigkeit
ein Mittel zu ergründen.
Und was ich fand, das gab ich hin,
um Nutzen zu verbreiten,
o möge stets ein gleicher Sinn
auch meine Schüler leiten!
Franz Xaver Gabelsberger.
Transkriptionsbeispiele
Karte von Adam Hohenberger (1888-1966) an seine (künftige) Ehefrau Edith, 23.11.1916.

Gasthof Thonberg, „Naumann Bier“ Halle, 23. Nov. 1916.
Meine Lieben! Losgelassen bin ich zwar noch nicht, wohl aber ganz in Eurer Nähe: im Gasthaus Thonberg, Ecke Windmühlen Straße und Reitzenhainer Straße. Besser hätte ich es gewiß nicht treffen können. Ich freue mich von Herzen darüber. Urlaub wird es heute Abend wohl noch nicht geben. Wenn Du aber Zeit und Lust hast, meine liebe Edith, um 6 Uhr einmal an den Ausgang der Windmühlen Straße zu kommen, so könnten wir vielleicht über den Zaun hinweg einige Worte wechseln. Seid nun alle herzlich gegrüßt von eurem Euch innig liebenden
Adel.
Adam Hohenberger studierte am Evangelisch-Lutherischen Missionsseminar zu Leipzig, als der Erste Weltkrieg ausbrach. Edith half während des Krieges in der Mission und kümmerte sich auch um die Weihnachtsaktion im Jahr 1914: für die einberufenen Seminaristen wurden Weihnachtspäckchen zusammengestellt und Edith legte ein Briefchen zum Paket. Daraus entwickelte sich eine Brieffreundschaft zwischen Adam und Edith, die später in eine echte Freundschaft überging und letztlich zur Ehe der beiden führte. Im November 1916 wurde Adam zur 2. Kompanie des 3. Landwehr-Infanterie-Bataillons XIX versetzt, das zu der Zeit in Leipzig-Thonberg stationiert war. Der ehemalige Gasthof Thonberg lag an der Reitzenhaimer Straße 150 (der heutigen Prager Straße), Ecke Windmühlen Weg (von Adam fälschlich als Windmühlen Straße angegeben, der heutigen Philipp-Rosenthal-Straße). Edith wohnte zu der Zeit bei ihren Eltern in der Ludolf-Colditzstraße, nur einen kurzen Fußweg entfernt. Einem spontanen Treffen der beiden stand also tatsächlich nichts im Wege, was Adams Freude über die Stationierung erklärt.
Karte an Frau Prof. Höß von ihrem Sohn Otto, 13.04.1927.

In München gefällt es mir nicht gut. Der Tannhäuser hat mir sehr gut gefallen weniger die Margarete. Der Papa hat sich für die Tante die Füße wundgelaufen. Bis jetzt habe ich mich im Museum mit der anorganischen Industrie, der Telegraphie und Bierfabrikation beschäftigt. Für den Alfred und den Erich gibt es viel interessantes zu sehen. Euren Brief haben wir am Dienstag Abends bekommen. In München regnet und schneit es fest. Wir haben den Professor Schlachter besucht und sind bis ½ 11 Uhr geblieben. Viele Grüße von Deinem
Sohn Otto.
Das Deutsche Museum in München wurde zwar schon 1903 gegründet, das Gebäude auf der Isarinsel wurde jedoch erst 1925 eröffnet, zwei Jahre vor Ottos Besuch. Das Konzept des Museums war für Deutschland neu: es wurden technische Entwicklungen ausgestellt, um der Bevölkerung die Wechselwirkung zwischen Naturwissenschaft und Technik und deren kulturelle Bedeutung näherzubringen und dadurch eine größere Aufgeschlossenheit gegenüber den technischen Neuerungen zu erreichen. In dem von Otto erwähnten Saal für anorganische Industrie konnte er beispielsweise ein Modell der Sodagewinnung aus Kochsalz und ein 16 Meter langes, teilweise elektrisch bewegliches Modell der Ammoniakgewinnung bewundern. Dem Bierbrauen waren drei Säle gewidmet und man lernte die Hauptvorgänge beim Bierbrauen kennen, konnte Einzelapparate und Maschinen bestaunen und Modelle von Gesamtanlagen bis zurück zu altägyptischen Braustätten ansehen.

